2018 – Reisetagebuch Dr. Elke Kleuren Schryvers

Benin Januar 2018/1

Nach guter Anreise und erster Nacht in Benin fahren wir den ersten Teil des Weges ins Projekt mit dem Boot über Ganvie.

Die Müllberge bei der Ausfahrt aus der Stadt erschrecken. Man baut dort neue Straßen und Häuser am Ufer der Lagune auf dem Müll. Ein schreckliches Fundament und Symbol für den Zustand unserer Welt. Worauf wollen wir künftig aufbauen…?

Leben in der Pfahldorfsiedlung für ca. 25.000 Menschen. Dann – nach den historischen Hintergründen für die Entstehung von Ganvie und dem Handelstreiben und Leben auf der Lagune am frühen Morgen – geht es weiter nach Quidah, dem Ort der größten Sklaven Deportation in Westafrika.

Wir lernen von unserem Guide sehr viel über die spirituelle und mentale Kraft der Menschen vor ihrer Deportation. Sie legten alles darauf an, dass nur ihre Körper ihre Heimat verließen, ihr Geist und ihre Seele jedoch in der Heimat blieben. Unser Führer war der Meinung, dass ca. 50 Millionen Menschen als Sklaven aus Afrika deportiert wurden.

Auch über die Ankunft der ersten Missionare und Ordensschwestern in Afrika hörten wir sowie über die Aversion der Menschen bzgl. der drei „M“: Militaire, Missionares, Merchandise.

Benin Januar 2018/2

Im Projekt in Gohomey
Heute begannen Thomas und ich den Arbeitstag mit der Visite im Krankenhaus, um nach unseren unterernährten Kindern zu schauen. Alle beide haben zunächst überlebt. Wir sind erleichtert. Das frühmorgentliche Frühstück auf dem Einbaum bei der Mono Flussfahrt entfällt wegen Wassermangel im Mono jetzt in der Trockenzeit.

Alle beginnen mit ihren Arbeiten. Peter und ich sprechen mit Mme. Helene und M. Dieudonne sowie unserem Gynäkologen über sein Verbleiben im Projekt und über die Zukunft des Projektes. Eine sehr fruchtbare Diskussion mit ganz neuen Visionen. …. Und der Gynäkologe bleibt zunächst einmal.

Im Gefängnis von Lokossa
Nach einer kurzen Siesta geht es gegen 15.00 Uhr nach Lokossa. Wir grüßen noch Bischof Victor und fragen an, ob wir noch kurz bei ihm vorbeikommen sollen. Aber er ist nicht da, erwidert die Grüße und segnet uns.

So laufen wir dann beim Gefängnis auf und treffen auf eine strahlende Gefängnisdirektorin, die uns empfängt. Wieder, wie immer, ist das Gefängnis hoffnungslos überfüllt. Das Stimmengewirr hinter den Mauern deutet auf hunderte Menschen.

Wir überreichen der Gefängnisdirektorin mit Grüßen des Niederrhein-Bischofs Rolf Lohmann die von ihm noch gesegnete Skulptur der Consolatrix afflictorum. Sie freut sich sichtbar sehr und ist bewegt. Später, am Ende des Besuches, als sie mir eine Botschaft mitgibt für den Bischof, verstehe ich, warum. Ein kurzes Gespräch über die neue Gefängnismauer, die drei Hektar eingrenzen wird.

Und noch eine Nachricht. Im Gefängnis von Lokossa sterben in ganz Benin die wenigsten Gefangenen. Vier im letzten Jahr. Die Gefängnisdirektorin führt das eben auch auf die Medikamente zurück, die sie durch APH dort immer zur Verfügung haben.

Dann kommt der Gefängnispfarrer und wir gehen – wie in einer kleinen Prozession – einer nach dem anderen – in das Innere des Gefängnisses . Vorne die Direktorin und ihre Begleiter, dann der Priester, dann wir. Das Szenario ist unglaublich und für uns nicht von der Welt, die wir kennen und einordnen können. Durch ein wahres Heerlager von ca. 200 Menschen ziehen wir durch eine enge Menschengasse so weit ins Innere des Gefängnisses, das ich mich wundere, dass der Gottesdienst hier stattfindet. Die Menschen grüßen uns mehrheitlich sehr freundlich, wir grüßen zurück und nehmen inmitten des Menschengewusels unsere Plätze direkt am Altar ein. Die Frauen singen und die Trommeln spielen. Eine unglaublich andere Wirklichkeit! Man nimmt eine besondere, aber nicht bedrohliche Anspannung wahr. Rechts neben uns steht in einem Glaskasten eine große Gottesmutterstatue. Die Gottesmutter der „Rosa mystica“. Eine Kerze wird vor ihr entzündet.

Als ich wenig später noch mal dorthin schaue, sehe ich einen bewaffneten Soldaten auf einem Stuhl neben der Gottesmutter und hinter uns stehen. Er muss der offenbar den Überblick behalten. Dieses Erlebnis einer Eucharistiefeier werde ich nie in meinem Leben mehr vergessen. Wir beten, singen, klatschen mit den Menschen dort und hören eine kurze, aber beeindruckende, die Menschen in ihrer speziellen Situation sehr Wert schätzende Predigt. Die Gefängnisdirektorin spricht kurz und erklärt, wer wir sind.

Wir erklären, woher wir kommen, überbringen die Grüße aus Kevelaer und das Bedauern des Weihbischofs. Dann erzähle ich mit der kleinen Statue der Gottesmutter in der Hand etwas über die Consolatrix afflictorum und es berührt die Gefangenen offenbar so sehr, dass fast schon stürmischer Applaus losgeht.

Da hat wohl der Heilige Geist gewirkt, die richtigen Worte in dieser Umgebung und in französischer Sprache zu finden. Ganz bemerkenswert war noch, dass während unseres Gottesdienstendes und danach ein muslimischer Gefangener in einer Ecke des Hofes ungestört sein Gebet auf seinem Teppich verrichtete. Die Toleranz der Religionen ist in Benin genial, auch wenn sehr viel Anderes ganz kompliziert ist und sogar eine Bezeichnung gefunden hat: Beninoiserie.

Wir fahren anschließend noch im Behinderten-Zentrum in Lokossa vorbei. Morgen kommen ca. 15 Kinder von dort zur Wallfahrt zu uns an die Gnadenkapelle.

LG von uns Fünfen, Elke

Tagebuch Januar 2018/3

Wieder ein beeindruckender Tag heute. Die Taufe von Christina, der Tochter von M. Dieudonne und seiner Frau fand statt im Rahmen eines Pilgertages von Kindern und jungen Menschen – krank und gesund – in Gohomey – inmitten unseres Krankenhauses.

Junge Menschen aus einer Nachbarkirchengemeinde, Kinder aus dem Behinderten-Zentrum in Lokossa, unsere Waisen-und Kinderkrippenkinder, Patienten aus dem Krankenhaus und alle Taufgäste vor dem Gnadenbild im Innenhof des Krankenhauses in Gohomey versammelt zu sehen, war schon bewegend. Sie alle später beim gemeinsamen Mittagessen froh und lachend miteinander zu sehen, rührte fast zu Tränen. Ein kleines Heerlager von Kindern und jungen Menschen im völligen Miteinander, ungeachtet ihrer körperlichen oder geistigen Gesundheit oder Krankheit.

Unsere kleine Kapelle war sehr voll und bebte fast vor schmetterndem Singen, Trommeln und Klatschen während des Taufgottesdienstes.

Am Nachmittag besuchen wir auf unserer Mopedtour – dieses Mal auf ganz neuen Wegen – ein Mikrokreditprojekt, das seit zwölf Jahren funktionier. W wir besuchen auf ein Bier oder eine Coca unseren ehemaligen Mitarbeiter Simon. Alle erfreuen sich des Wiedersehens, obwohl, die Trennung vor Jahren sehr kompliziert war.

Unwillkürlich denke ich, es wäre wunderschön, wenn uns das mit den Schwestern von Padre Pio auch so ergehen könnte ….

Abends haben wir noch das Gespräch über die Zukunft des Zentrums mit Helene und auch über ihre Zukunft im Projekt. Ein wirklich gutes Gespräch, welches Peter und mir viel Hoffnung gibt.

Und dann kommt die wunderbare Theateraufführung unserer Waisenkinder. Sie spielen die Etappen dieses Besuches, die Messe und Medikamentenübergabe im Gefängnis, die Taufe, den Pilgertag in Gohomey, die Segnung der Kranken im Krankenhaus so, als wäre „Bischof Lohmann“ mit Ange, Charly, Thomas, Peter und mir dort gewesen. Das war so eine Freude, die Kinder so engagiert und intensiv ihre Rollen spielend zu sehen!

So endet der Tag, der Abend in einem ganz besonderen Gefühl der Verbundenheit und Dankbarkeit.

Tagebuch Januar 2018/4

Heute gegen 9.00 Uhr verlassen wir unser Projekt in Gohomey. Aber natürlich nicht, ohne unseren Mitarbeitern und dem kleinen Hungerkind Andre „Lebewohl“ zu sagen. Thomas hat den kleinen Andre besonders ins Herz geschlossen.

Er hat immerhin so viel an Agilität gewonnen, dass er sich die Magensonde zur leichteren Nahrungs­zufuhr selbst gezogen hat und jetzt vom Löffelchen seine Spezialmilch trinkt.

Besonders möchte ich noch berichten, wie wunderbar in Ordnung in unserem Projekt war. Alles sah so strahlend aus. Wir haben Helene und Dieudonné sehr dafür gedankt. Sogar unsere Kapelle war neu „geweisselt“.

Wir glauben, das hatte auch etwas mit dem angekündigten Besuch von Mgr. Rolf zu tun. Unsere kleine Gnadenkapelle im Krankenhaus-Innenhof strahlt weiter unvermindert aus sich heraus. Charly betet dort am Morgen den Angelus mit uns, bevor wir alle fahren.

Auch die elektrotechnischen Probleme sind bearbeitet. Ange hat alle Versicherungen unserer Fahr­zeuge und Mopeds aktualisiert nach Erfordernissen und ist Charly zur Hand gegangen. Thomas hat die Planung zur Gestaltung des Hofes/Gartens vor der Pädiatrie bearbeitet und fertiggestellt und uns hervorragend umsorgt. Er lief immer völlig dynamisch los, um irgendetwas zu trinken, zu essen zu besorgen, wenn jeder von uns dachte: „Ach, nicht so wichtig, als dass ich mich jetzt wieder auf den Weg durch die Hitze mache …“

Der Flug heute mit einer Bombardier Propellermaschine von Cotonou nach Niamey war perfekt. Schon beim Anflug sehen wir nur braune, staubige Erde. Kaum ein Baum oder Strauch.

Sahel. Ein eklatanter Unterschied zu Gohomey. Es lief wirklich hervorragend mit der Anreise und wir sind gut installiert hier am Bischofssitz.

Nach der Programmbesprechung für unsere Tage und dem gemeinsamen Abendessen im Refektorium zieht es uns noch einmal nach draußen in die sehr angenehm laue Nacht Afrikas … Das Klima hier lässt sich wirklich wunderbar ertragen. Trotz gleicher Hitze von 33 Grad schwitzt man hier im Gegensatz zu Benin gar nicht.

Bonne nuit!

Tagebuch Januar 2018/5

Abschied von Gohomey, auf nach Niamey

6.00 Uhr morgens, Dienstag, 23.01.2018. Die Morgenfrische hier im Niger ist einfach wunderschön um diese Jahreszeit. Und als wir die kleine Privatkapelle von Laurent betreten mit einem prägnanten Altar-Bild in rot-braunen Farbtönen und einem ganz besonderen, in seiner Einfachheit bestechenden Kreuzweg, nimmt der Tag mit dieser kurzen, aber eindrucksvollen Eucharistiefeier einen ganz besonderen Lauf. Mich persönlich bewegt diese intensive, gerade auch spirituelle  Gemeinschaft von uns Fünfen zusammen mit Laurent nachhaltig.

Nach dem Frühstück gebt es ziemlich unmittelbar los. Trinkwasser ist in der Kühlbox an Bord. Kekse etc. ebenso. Zwei Pickups stehen an der Ausfahrt des Erzbischöflichen Terrains bereit – jeweils mit 6 Soldaten besetzt – Maschinengewehr im Anschlag. Begrüßung nicht gewünscht. Immer noch ist die Stimmung bedrückt auf Seiten unserer nigrischen Freunde ob dieser Aktion. Wir fünf können das so abbuchen, dass es sicher eine gut gemeinte Aktion der Botschaft war zu unserer Sicherheit. Wobei ich persönlich finde, dass Humanitäre so nicht im Land unterwegs sein  sollten und man Schutz  sicher auch diskreter gestalten könnte. Ausserdem: dieser Aufwand wird nur für uns Weisse betrieben.

Allerdings sagt Laurent auch, dass an Weihnachten der Schutz der Christen bei den Messen in der Kathedrale sehr professionell und gut war.

Beeindruckend auch, wie Laurent den interreligiösen Dialog wirklich verinnerlicht hat. Nahezu überall, wo wir beten, betet er auch ein muslimisches Gebet, wenn Muslime da sind und keiner sonst das übernimmt. Auch der Reisesegen in unserem Auto wird zunächst in Form eines christlichen Gebets und dann für einen mit uns reisenden muslimischen Mitarbeiter von Caritas Niger in einer ihm bekannten Gebetsform gespendet. Laurent sagt, dass jeder Priester im Niger auch drei wichtige, kurze Gebete der Muslime kennen muss.

Die Fahrt nach Makalondi verläuft im Konvoi mit den Militärs sehr zügig. Die Straßensituation lässt 120 km/Std. zu. Immer weniger Grünes sehen wir. Immer mehr tauchen wir tiefer in eine wirkliche Sahellandschaft ein. Kamele am Strassenrand, vollbeladene Eselskarren ….

Zuerst sehen wir Frauen aus der Frauengruppe Buamtandi. Wir lernen Schwester Perpetua kennen, die 54 Frauengruppen mit insgesamt ca. 2000 Frauen in landwirtschaftlichen Projekten und Viehzucht managt. Eine geniale, lachende Frau, der es unendliche Freude macht, wenn wieder eine dörfliche Gemeinschaft über die Frauen integriert werden will bei Buamtandi. Die Frauen tanzen und singen, danken und sind sehr froh.

Anschließend fahren wir weiter zum Gemüsegartenprojekt. Wir fahren zwei, drei Kilometer. Sand, alles ist trocken, staubig. Etwas Buschwerk nur. Auf einmal eine Fläche von ca. einem Hektar. Alles tiefgrün. Frauen gießen ihre kleinen Beete, säubern sie. Ein kleiner Oberflächenbrunnen liefert das Wasser. Man steht dort mitten in all der Dürre wie in einer grünen Oase. Es bewegt mich so, das mir die Tränen aufsteigen, ohne dass ich es verhindern kann. Was diese Frauen – Musliminnen und Christinnen – miteinander bewegen und wie viel Vorbereitungen und Energien es kostet, so weit zu kommen!

Dann fahren wir weiter in Laurents Heimatdorf. Dort sitzen wir kurz in seiner Hütte und treffen zunächst zwei seiner leiblichen Brüder. Einer ist nach dem Tod des Vaters Dorfchef geworden. Eine sehr eindrückliche Erscheinung ohne eine wesentliche Regung. Sehr stolz, sehr ernst. Erlässt keinen Zweifel daran, wer in der Familie bestimmt, auch wenn der jüngere Bruder Erzbischof ist. In der Familie von Laurent leben Muslime und Christen -wie überall – miteinander. Dann bittet Laurent Peter und mich, mit ihm seinen seit 45 Jahren schwerst geistig behinderten leiblichen Bruder in seiner Hütte zu besuchen und mit ihm dort bei dem Bruder zu beten. Als Kind war dieser Mann bis zu seinem 5. oder 7. Lebensjahr ganz gesund und blitzgescheit, wie Laurent berichtet. Die Ursache seiner Erkrankung ist völlig unklar geblieben bis heute…Trotz aller ärztlichen Konsultationen. Wir lassen etwas Geld als Hilfe dort…

Tagebuch Januar 2018/6

Wir beten gemeinsam und angesichts der tiefen Ergebenheit und auch Offenheit Laurents bezüglich dieser schweren Situation in seiner Familie sind wir alle drei sehr still, als wir langsam wieder Anschluss suchen an die Gruppe. Alle Familien hier und überall auf der Welt haben solche menschlichen Tragödien als Kreuze zu tragen. Gleich, ob sie Bischöfe, Politiker, Geschäftsleute oder Viehzüchter sind.

Und ich denke plötzlich auf dem Weg zwischen den Hütten daran, wie sehr Laurent mich gestärkt und getragen hat nach dem Tod von Herbert. Wie er sich mit Peter und mir über unsere Beziehung und die neue Lebensperspektive gefreut hat. Wie er zu unserer Hochzeit – damals schon als Weihbischof – mit uns war, als Rolf Lohmann uns im Klarissenkloster getraut hat. Mir fallen die Szenen am Sterbebett meines Vaters ein, wo er so lange mit uns gewacht und gebetet hat. Jetzt beten wir mit ihm am Krankenbett seines Bruders.

Als wir ins Dorf hineingingen, haben wir alle gestoppt, um an den Gräbern von Laurents Vater und Mutter zu beten. Pere Vito, der 70 jährige italienische Priester ist Missionar für Afrika (SMA) und seit über 30 Jahren in Burkinas Faso und im Niger unterwegs mit den Menschen.

Immer in den ländlichen Regionen, unter für mich schier unmöglichen Lebensbedingungen, jedoch wirklich ganz, ganz nah bei den Ärmsten der Armen. Er erzählt mir, dass er hier im Dorf Laurents Mutter beerdigt hat, als Laurent bei uns in Deutschland war. Wir haben mit ihm für seine Mutter, die Christin war, die Auferstehungsmesse im Klarissenkloster zusammen mit unserem APH-TEAM gefeiert.

Auch bei der Beerdigung meines Vaters war Laurent noch mit uns – wieder als Konzelebrant mit Rolf Lohmann. Alle diese Bilder ziehen an mir vorbei als wir das Gehöft der Familie Lompo im Dorf Kolbou verlassen. Aus den Augenwinkeln nimmt man die Militärs wahr, die immer in Abstand um uns sind. Doch die Situation hat nichts Bedrohliches. Ich kann ganz ruhig weiterdenken hier inmitten dieses Saheldorfes, wie sehr sich unsere Lebenswege und Familiengeschichten alle miteinander verwoben haben – trotz der 5000 Kilometer Entfernung, des anderen Kontinents, der ganz anderen Lebensplanungen.

Ich sehe Laurent und Rolf Lohmann lachend gemeinsam auf dem Motorrad bei der MOWA auf den Kapellenplatz fahren und denke auch an schwere Zeiten für Laurent zu Beginn seines Bischofsamtes, an die Zeit der tiefen Bestürzung unmittelbar nach den Kirchenschändungen hier im Niger, wo Peter und ich gemeinsam mit Rolf Lohmann – damals noch als Rektor der Wallfahrt in Kevelaer – an seiner Seite sein konnten. Lebenswege, die auf diesem kurzen Fußweg durch den Sand, entlang an den Lehmmauern der Hütten, in gleißender Mittagshitze, ganz lebendig werden und als tiefes Glück dankbar empfunden werden können hier im Niger.

Auf dem weiteren Weg sehen wir das Terrain für das Mare, welches noch in der Nähe von Kolbou liegt.

Besuch Brunnendorf

Dann geht es wieder im Auto weiter in das kleine Dorf Tiboanti, wo einer der zuletzt errichteten Brunnen aus 2017 entstanden ist. 37 Brunnen sind seit dem ersten Kevelaer-Brunnen im Jahre 2005 gefolgt.

Das berichtet Dieudonné, unser nigrischer Sozialarbeiter, der für alle Brunnen und  Brunnen- Komitees der lokalen Bevölkerung zuständig ist.

Auf dem Rückweg nach Makalondi besuchen wir noch die neu gebaute Apotheke, die von der Kirche und Ordensschwestern betrieben wird – mit Medikamentenhilfe als Support von der action medeor.

Diese Apotheke ist in Funktion und Betrieb eigenständig und unabhängig von der staatlichen Krankenstation in Makalondi. Sie hilft der Bevölkerung sehr, dort nahbei die Medikamente zu finden, die verordnet wurden.

Ich denke an die fröhlichen, alljährlichen Gartenfeste von Irene Martens und Axel Baumanns, die das und Vieles mehr im Niger ermöglicht haben.

Die Ordensschwestern haben alles gut in Schuss. All das vermittelt ein gutes Gefühl. Nach dem Mittagessen in dem kleinen Kirchenanwesen sehen wir dann die staatliche Krankenstation in Makalondi erstmals nach sieben Jahren wieder.

Tagebuch Januar 2018 – 6 Teil 2

Der Staat bezahlt die über 20 Mitarbeiter seit 7 Monaten nicht mehr. Aufgrund der kostenlosen Behandlungen für die Menschen – immerhin eine große Erleichterung – werden jedoch auch so gut wie keine Reparaturen durchgeführt. Man zeigt uns die defekte Saugglocke, die nicht mehr benutzt werden kann und das nicht mehr funktionsfähige Absauggerät.

Für die unterernährten Kinder, die morgens zur Station kommen, gibt’s eine Diagnose … aber keine Nahrung, wenn die Mütter sie nicht kaufen können. Das erschüttert uns, macht uns wütend … Es war sauber dort, wo wir gemeinsam mit der Mission Catholique und Caritas Niger vor einigen Jahren versucht haben, alte Bausubstanz so gut wie möglich zu reaktivieren und das kleine Gebäude für wenige Betten zur Hospitalisation neu erstellt haben. Aber alles wirkt so mutlos, so leer.

Allerdings ist es wirklich so im Sahel, dass die Menschen den oft 10 Kilometer langen Fußweg noch in der Nacht antreten, um frühmorgens dort zu sein. Noch weit vor der Mittagshitze wollen sie wieder zurücklaufen. So ist es oft mittags schon leer in diesen Dispensaires. Dennoch wird auch die Kirche künftig solche Kooperationen nicht mehr machen. Aber Makalondi ist momentan die einzige Krankenstation im Umkreis von mehr als 50 Kilometern für mindestens 50.000 Menschen von Grenze nach Burkina Faso bis zur Prefecture-Stadt Torodi.

Wir sehen eine sehr junge Mutter mit ihrem Baby dort in der Maternite, die vor wenigen Stunden entbunden hat. Gegen Abend geht sie heim, zu Fuß. Wir kapieren, so wütend wir auch sind, dass wir die Saugglocke, das Absauggerät ersetzen sollten. Um der Menschen willen. Denn der Staat wird es nicht tun, weil er angeblich alle Finanzressourcen in die Sicherheit stecken muss.

Und die Menschen leiden und sterben unnötig. Vor allem Frauen und Kinder.

Ich muss noch weiter schreiben von diesen Eindrücken an diesem unglaublichen Tag.

Um die Mittagessenszeit sahen wir unsere Buamtandi-Frauen wieder. Es waren noch viel, viel mehr Frauen geworden. Musliminnen, Christinnen, alle in ihren Festtagsgewändern. Wir schätzen, dass es jetzt ca. 500 Frauen waren! Sie bedankten sich, wollten Hände schütteln, tanzen. Eine unglaubliche Lebensfreude inmitten tiefster Armut. Unvergesslich dieses Bild unter dem großen Baobab-Baum!

Auch unser Erzbischof Laurentius hat scheinbar an diesem Tag viele Erinnerungen. Er berichtet uns im Auto von seinem 9 Kilometer langen Schulweg von Kolbou nach Makalondi. Morgens hin, abends zurück. Zwei Jahre lang. Bis seine Freunde aus Bamberg, die damals als Entwicklungshelfer in seiner Region waren, andere Lösungen für ihn fanden, weil sie ihn fördern wollten.

Er träumte als Kind davon, einmal ein Päckchen der kleinen Zuckerklümpchen und eine Tüte Datteln ganz für sich allein haben zu dürfen. Dann, so meinte er damals, hätte er es geschafft und müsste Gott sehr danken für sein Leben. Er muss selbst noch sehr lachen, als er uns das erzählt.

Dann fahren wir weiter nach Torodi, wo eine ländliche Grundschule dringend für das nächste Jahr zunächst eine weitere Klasse benötigt. Bautechnisch besser wäre ein zweiter Gebäudeblock gegenüber dem ersten mit drei Klassen.

Bischof Laurent besucht mit uns alle drei schon existierenden Klassen und checked ab, wie das Bildungsniveau der Kinder von der ersten bis dritten Klasse ist. Diese Grundschule könnte mit den Spendenmitteln von der Bischofsweihe, unserer APH-Beteiligung sowie einiger weiterer Baustein­spenden realisiert werden. Die Kids, überwiegend muslimische Mädchen und Jungen, die von Ordensschwestern und muslimischen Praktikantinnen ausgestattet werden, sind hellwach und ganz agil!

Am späteren Nachmittag kommen wir „nach Hause“ – so empfinden wir es alle und trinken erst einmal ein „Nobeltje“ auf die gute Rückkehr. Froh und dankbar, dass alles ohne Zwischenfälle funktioniert hat. Voll von unglaublichen Eindrücken, die mich auch jetzt beim Schreiben noch mit voller Kraft wieder einholen …